"Wie Herr Krause das Glück
in seine Straße zurückgeholt hat."
von GoldundRosen
Herr Krause war ein stiller und bescheidener Mensch.
Er brauchte nicht viel zu seinem Leben. Er hielt sein Leben nicht für sehr besonders und andere Menschen hielten ihn nicht für sehr besonders.
Er war höflich und nett. Er grüßte jeden und jeder grüßte ihn.
Man unterhielt sich.
Das Wetter, Straßenbauarbeiten, Fussball.
Sein Leben lang lebte Herr Krause in diesem Viertel. In diesem Haus. Zweiter Stock rechts. Er hatte hier gearbeitet und nun war er Rentner.
Herr Krause war es gewohnt nicht viel zu reden.
Aber er beobachtete sehr genau.
Er nahm wahr, was die Menschen um ihn herum so beschäftigte.
Da war dieser Student oben unter dem Dach.
Er spielte Gitarre und schrieb Lieder. Zauberhafte Lieder, wie Herr Krause immer wieder dachte.
Er konnte sie hören, wenn er auf seinem Balkon saß und der Student die Fenster offen hatte. Lieder, die die Menschen hören sollten.
Das hatte Herr Krause dem Studenten auch eines Tages gesagt. Dieser lächelte ihn an und meinte, das er nicht denkt, dass es jemanden gefallen wird.
„Er hat ein Geschenk,“ dachte Herr Krause für sich, „...aber die Angst hält es gefangen.“
Oder Frau Bechthold, die Lehrerin.
Auch sie war bereits in Rente.
Sie hatte sich den Garten im Hof zu einem wildromantischen Ort gemacht. Mit allerlei wundervollen Pflanzen. Heckenrosen rankten dort. Farn, Storchenschnabel und Besenginster. Ein Apfelbaum in der Mitte und Weißdornbüsche.
Überall flogen Schmetterlinge und Insekten. Es blühte fast das ganze Jahr irgendwo. Sie saß oft bei einer Tasse Tee inmitten ihres kleinen Paradises und seufzste.
Sie sah den Kinder, die durch die Toreinfahrt in Richtung Spielplatz verschwanden, sehnsuchtsvoll nach.
Wie gerne hatte sie doch unterrichtet.
„Was für eine Gabe,“ dachte Herr Krause für sich.
Und Herr Stratmann aus dem Erdgeschoss.
Er war Architekt gewesen. Herr Stratmann hat viele Brücken gebaut. Brücken, die Menschen verbunden haben. Die ihnen das Leben erleichtert haben und ihre Wege verkürzt.
Bis eine seiner Brücken eingestürzt ist.
Obwohl Niemand zu Schaden gekommen war, gab Herr Stratmann sich die Schuld. Er zeichnete nicht mehr. Er baute nichts mehr.
Oft sagte er: „Es ist zu spät. Ich habe es nicht verdient, glücklich zu sein.“
Herr Krause sah das. Und er dachte: „Er trägt eine Last, die niemand ihm aufgeladen hat. Nur er selbst.“
An der Ecke war dieser Kiosk.
Der Besitzer war Mehmet.
Und Mehmet hatte alles im seinem Laden, was man zum Leben brauchte. Was er nicht hatte, besorgte er.
Die ganze Straße ging bei ihm ein und aus.
Mehmet hatte nicht nur Waren. Er hatte ein Ohr für die Leute und er hatte Ideen. Hörte er, dass Jemand Hilfe brauchte, zum Beispiel beim Umzug, organisierte er das. Einkaufshilfen, Kinderbetreuung. Mehmet wusste, wer etwas übernehmen konnte.
Und Mehmet schaute bei seinen armen Kunden nicht so auf den Preis. Da wurde das Käsebrötchen schnell mal zu einem kurzfristigen Supersonderangebot.
Doch Mehmet träumte davon ewas Besonderes zu werden. Ein Star. Etwas Wertvolles.
Herr Krause wunderte sich. „Er sieht sich selber nicht.“
Schließlich noch Frau Elsar aus dem Erdgeschoss.
Die jeden Abend alleine in ihrer Wohnung saß und Fernsehen schaute. Und die immer wieder auf ihr Telefon schaute, das nicht klingelte.
Vor Jahren hatte sie sich mit ihrer Tochter zerstritten. Worum es ging, wusste sie nicht mehr. Und doch redeten sie nicht mehr miteinander und Frau Elsar war darüber sehr unglücklich.
Herr Krause dacht sich: „Sie ist so lange allein, dass sie nicht mehr weiß, wie sie da herauskommt“
Und so sah Herr Krause all das Unglück um ihn herum.
Jeden, der mit hängende Kopf durch die Straße lief. Jeder, der das Leben ohne Hoffnung an sich vorbei fließen ließ. Jedes leise Weinen.
Herr Krause dachte über diese Menschen nach und er überlegte für sich, dass sie all diese Menschen nicht mehr an ihr Glück glaubten.
Und so fasste er einen Entschluss.
Herr Krause wollte das Glück wieder in seine Straße holen.
Am nächsten Tag ging Herr Krause zur Bank und holte Geld.
Er holte nicht viel Geld. Er hatte nicht viel Geld. Aber er holte etwas Besonderes. Er holte „Ein Cent“ Münzen.
Damit fing er an durch seine Sraße zu wandern. Und er verteilte die Münzen. Mal hier eine Münze hin und mal dort.
Bald war das jährliche Straßenfest. Herr Krause verteilte Münzen.
Frau Bechthold fand eine Münze auf den Gehwegplatten in ihrem Garten.
Sie bückte sich, hob sie auf und betrachtete sie. „Eine Ein-Cent Münze. Das bringt Glück“, freute sie sich. In dem Moment kamen die Kinder durch das Hoftor.
In ihrer Freude sprach sie die Kinder an. „Schaut, was ich gefunden hab,“ rief sie ihnen zu und die Kinder kamen näher. „Eine Ein-Cent Münze!. Die bringt Glück.“
„Was bringt denn noch Glück?, fragte sie die Kinder und diese riefen:
„Ein vierblättriges Kleeblatt, Ein Marienkäfer.“ „Das finden wir bestimmt in meinem Garten. Wollen wir mal suchen gehen?“
Und so tummelten sich die Kinder den ganzen Nachmittag in ihrem Garten. Sie suchten und fanden alles Mögliche. Frau Bechthold erklärte ihnen jedes Wesen, jede Pflanze und wie so alles wächst.
Und am Ende des Tages war Frau Bechthold ganz müde. Aber so glücklich, wie lange nicht mehr.
Und da von an, kamen die Kinder jeden Tag in ihren Garten.
Mehmet fand seine Münze Morgens, als er seinen Kiosk aufschließen wollte. Er lächelte und steckte sie ein.
Als später die ersten Stammkunden in sein Geschäft kamen, erzählte er ihnen davon und scherzte, dass er jetzt ein großer Star werden würde, alle ihn lieben würden und er in eine Villa am Stadtrand ziehen wird.
Das fanden diese garnicht lustig. Sie erklärten Mehmet, dass er doch längst ein Star ist. Jeder im Viertel kennt ihn. Jeder weiß von seinem großen Herzen, seiner Hilfsbereitschaft und seinen spontanen Preisnachlässen bei mittellosen Kunden. Und alle im Viertel lieben ihn dafür.
Auch jetzt wieder, wo er das anstehende Straßenfest organisiert und alle zum Miteinander feiern animiert und die Würstchen und Pommes spendiert.
Das war Mehmet überhaupt nicht klar gewesen. Er brauchte kein Star sein, um geliebt zu werden. Er wurde es schon längst.
Mehmet wurde ganz stumm und glücklich.
Frau Elsar fand ihre Münze auf der Treppe zur Haustür.
Sie hatte gerade eingekauft und trug die Tüten nach oben.
Die kleine kupferne Münze leuchtete in der Sonne. „Ach schau", dachte sie: "Eine Glücksmünze!" Es beschwingte sie.
Und dieses kleine, fröhliche Gefühl trug sie noch in sich, als sie längst in der Wohnung war und ihren Einkauf verstaut hatte.
Sie schaute den Münze an und sprach zu sich. „Was soll mir passieren? Ich habe heute Glück.“ So nahm sie den Hörer ihres Telefons ab und wählte die Nummer ihrer Tochter. Als diese abnahm, sagte sie: „Ich habe gerade einen Glückscent gefunden.“
Und so unterhielt sie sich mit ihrer Tochter. Ihre Tochter hatte, genau wie sie, nicht mehr den Mut gefunden anzurufen.
Und jetzt wussten die Beiden auch garnicht mehr genau, warum sie sich überhaupt gestritten hatten.
Und sie verabredeten sich auf das Straßenfest, dass demnächst sein wird. Einen Kaffee trinken und reden.
Herr Stratmann fand seine Münze im Hausflur, direkt vor seiner Tür.
Er murmelte unwillig vor sich hin. Auf der Straße vor dem Haus fanden die Vorbereitungen für das Straßenfest statt.
Etwas, wo er sowieso nicht hingehen würde und das nur Lärm veranstalten sollte. Da hämmerten sie schon wieder herum.
Herr Stratmann ärgerte sich. So ging er zum Fenster und schaute heraus. Irgendein Dilletant nagelte da eine Art Podest zusammen.
„Was soll dieser Lärm?“ und „Hören sie auf“ schimpfte Herr Stratmann und fuchtelte wild mit den Armen herum. Dabei schleuderte er aus Versehen die ein Cent Münze in seiner Hand aus den Fenster, direkt runter zur Straße und an den Kopf des Mannes, der da so hämmerte.
Dieser rief: „Au! Was soll denn das?“
Herr Strattmann war erschrocken. Das wollte er nicht. Und so eilte er herunter auf die Straße und entschuldigte sich vielmals bei dem Mann. Dieser gab ihm mit einem „Schon gut.“ seine Münze zurück.
Da fiel der Blick von Herrn Stratmann auf das Podest, das jämmerlich zusammengenagelt war. Und als er hörte, dass es eine Bühne für das Straßenfest sein soll, packte er an. „Das bricht ihnen ja beim ersten Applaus zusammen“ scherzte Herr Stratmann. So baute und nagelte Herr Stratmann den ganzen Nachmittag eine stattlich und äußerst stabile Bühne zusammen.
Das Straßenfest konnte beginnen.
Frau Bechthold hatte mit den Kindern einen Stand in dem sie den Mitbewohnern zeigte, welche tollen Tiere und Pflanzen auch bei Ihnen in der Stadt vorkommen und wie denen geholfen werden kann.
Frau Elsar saß mit ihrer Tochter beim Grill von Mehmet und redete und lachte,. Mehmet begrüßet jeden und jeder freute sich, ihn hier zu treffen. Er stellte jedem Herr Stratmann vor, der diese tolle Bühne für sie alle gebaut hatte.
Es war ein wunderbarer Tag.
Der Student fand seine Münze bei seinem Fahrrad.
Das angeschlossen vor der Tür stand.
Er hatte sich seine Gitarre eingepackt und wollte alleine zu einem nahen Fluss fahren, um dort für sich zu spielen. Er hörte und sah das bunte Treiben auf der Straße.
Und als er sich nach dem glitzernden Cent beugte, hörte er jemanden rufen: „Jetzt haben wir Essen, Trinken, Freude, Spaß. Was uns jetzt noch fehlt, ist Musik!“ Mehmet stand direkt vor dem Studenten. „Du hast eine Gitarre! Bitte spiel für uns etwas. Unser Musikant hat kurzfristig abgesagt. Und was ist ein Straßenfest ohne Live-Musik?“
Der Student war völlig verdaddert. Schon harkte ihn der Kioskbestzer unter und zog ihn zur Bühne. „Manche Leute müssen zu ihrem Glück gezwungen werden“, lachte er.
Auf der Bühne angekommen, packte der Student seine Gitarre aus und fing leise an zu spielen.
Da verstummten die Gespräche und die Leute hörten ihm zu.
Und sie spürten die Wärme. Liebe und Zuversicht in seinen Liedern.
Und auch Herr Krause saß zwischen den Zuhörern und lauschte.
Er lauschte dem kleinen Glück, das wieder in seine Straße gekommen war.